Die Moderne sind wir!

Literatur- und Musikkurs des Zabergäu-Gymnasiums wagen ehrgeiziges Projekt

„Hereinspaziert, meine Damen und Herren! Im Café Décadence wird Ihre seelische Verdauung auf die Probe gestellt, und wahrscheinlich fallen Sie dabei vom Stuhl und brechen sich die Nase!“
So hätten die ganz in Schwarz gewandeten jungen Damen und Herren in eleganter Abendgarderobe der 20er Jahre die vielen Gäste in der Brackenheimer Schlosskapelle durchaus begrüßen können. Denn was der Literaturkurs von Norbert Giegling gemeinsam mit dem Musikkurs von Daniel Strasser auf der Bühne inszenierte, war alles andere als ein künstlerisches Wohlfühlprogramm. Es war perfekt, stimmig, beeindruckend, aber es war keine Kunst, die gefällt, sondern Kunst, die provoziert, erschreckt, von Krankheit, Tod, Weltende erzählt.
Judith Daniel sitzt auf der Bühne und flicht ihren blonden Zopf, das Gesicht ernst. Sie rezitiert den „Schrei“ von Gustav Sack. Klar. Ausdrucksstark. Die Stadt eine Totenstadt, der man entfliehen möchte.
Die expressionistischen Stadtgedichte klingen grausam, berichten von Menschenfeindlichkeit, Zerstörung, und die Schüler verkörpern diese Bilder von Leiden und Tod, füllen die Bühne mit ihren Körpern, oft auf dem Boden kauernd, niedergedrückt, dahingewelkt. Die Bedrohung in Georg Heyms „Der Gott der Stadt“ wird durch die dumpfen Trommeln im Hintergrund noch verstärkt – sowie durch den theaterreifen Vortrag von Lena Wütherich und Pascal Gerhäusser.
Die Musik: Sie schmerzt oft in den Ohren, ist dissonant – und von den Schülern des Musikkurses meist selbst komponiert. Nicht einmal der vierhändige „Flohwalzer“ oder „Ein Freund, ein guter Freund“ können die Stimmung lange heben. Sie wird sofort von Heyms „Krieg“ zerstört.
Der zweite Teil des Abends bringt Erleichterung. Kurt Schwitters „Anna Blume“ (Franziska Bühler, Mareike Sinz, Lena Wütherich) macht Spaß. Die Wortspiele klingen leicht verrückt; man kann, aber man muss nicht viel darüber nachdenken.
Doch zurücklehnen kann man sich noch nicht: Leonie Baum und Lucas Graner werfen nummerierte Zettelchen ins Publikum mit der Aufforderung, sie laut zu verlesen: Sinnfreiheit, Spiel mit Wörtern….. Sie ergeben eine schlagwortartige Einführung in den Dadaismus. Gershwins „Summertime“ mit Michael Kühne (Saxofon), Daniel Strasser (Flügel) und einer lasziven Anica Wurmbrand (Gesang) entspannt – und führt ins Jahr 1935.
Ernst Jandls „Tohuwabohu“ auswendigzulernen und als pointiertes Streitgespräch zu inszenieren, ist bei der Ansammlung scheinbar zufälliger Silben eine Meisterleistung. Andererseits: Wer würde es merken, wenn sich die beiden hervorragenden Interpretinnen Florence Graf und Anja Mayer verhaspelten?
Es war ein gewagtes Projekt, das die beiden Lehrer mit ihren Schülern auf die Bühne stellten. Und: Chapeau! Das Ergebnis war jede Mühe wert.
Am Ende sind alle einen Schritt weiter, einen Schritt in die Moderne, und die Moderne sind wir! (el)