Cabaret


Glamour, Erotik, Jazz....und wenn die Welt in Stücke fällt
Brillantes „Cabaret" entführt Zuschauer ins Berlin der Zwanzigerjahre

„Life is a cabaret, old chum...", singt Sally Bowles am Ende des Abends, trotzig, enttäuscht, verletzt, blind gegenüber den politischen Verhältnissen, aber immer noch in der Hoffnung, ein großer Star zu werden. Ein Tanz am Rande des Abgrunds. Sie ist und bleibt eben „strange" und „extraordinary", wie sie mehrmals betont. Die Show geht weiter. Und was für eine tolle Show!
Rund 1400 Zuschauer erleben im Bürgerzentrum wieder einmal eine mitreißende Musical-Aufführung unter der Leitung von Welf Schoch, Siegfried Liebl und Daniel Strasser. Rund 100 Schüler haben ein Jahr lang geprobt, gemalt, gehämmert und die Bühne in ein zwielichtiges Etablissement in Berlin zu Beginn der dreißiger Jahre verzaubert. (Danke, Sybille Proksch, für das phantastische Bühnenbild!) Leicht bekleidete Mädchen und vergnügungswillige Herren versprühen fröhliche Dekadenz im Kit-Kat-Club. Eine riesige Leuchtreklame, „Cabaret", nimmt das Auge gefangen, und erst beim zweiten oder dritten Blick entdeckt man rechts und links der Bühne noch zwei weitere Schauplätze.
Das Zugabteil: Cliff Bradshaw (Marius Blatt), ein amerikanischer Schriftsteller, reist durch Europa auf der Suche nach Stoff für einen Roman. Auf der Fahrt nach Berlin trifft er auf Ernst Ludwig (Thomas Hofmann), der ihm ein Zimmer in der Pension Schneider vermittelt, ihm vom Kit-Kat-Club erzählt und ihm anbietet, Geld zu verdienen. Erst im Lauf des Abends entpuppt sich der nette Ludwig als judenfeindlicher Nazi.
Die Pension: Die ältliche Besitzerin, Fräulein Schneider, nimmt Cliff auf und versucht, die Moral ihrer Untermieter zu wahren. Eine zarte Romanze zwischen ihr und dem jüdischen Obsthändler Schultz führt zur Verlobung. Doch die Beziehung zerbricht durch das Erstarken der Nationalsozialisten.
Der Kit-Kat-Club: Hier lernt Cliff die karrieresüchtige Sally Bowles kennen, die schon bald bei ihm einzieht, schwanger wird, vor der politischen Zuspitzung die Augen verschließt. Ein Leben mit Cliff in Amerika lehnt sie ab. Nach einer Abtreibung geht sie zurück in den Club. Cliff reist nach Paris - und hat nun endlich Stoff für einen Roman.
Das Leben zwischen Hoffnung und Untergang, Dekadenz und Moral - eine schwierige Aufgabe für Schüler, die Zwischentöne zu treffen, zwischen Ausgelassenheit und Bedrohung zu wechseln; umso bewundernswerter ist es, wie sie es schaffen, das Publikum in ihren Bann zu ziehen und gekonnt die Stimmungen zu verändern.
Hervorragend besetzt das Liebespaar Bradshaw-Bowles. Marius Blatt ist der verträumte, eher sanfte Schriftsteller, der erst aufwacht, als er im Club von den Nazis zusammengeschlagen wird. Heiter, dennoch nachdenklich, sein Duett der ersten Verliebtheit mit Sally: „Einmalig himmlisch". Jennifer Hötzl ist eine überragende, stimmgewaltige Sally, eine hinreißende Mischung aus Naivität, Egoismus, auf der Suche nach Karriere und Glück. Sie kokettiert, verführt, leidet. Mal ist sie explosiv („Life is a cabaret"), mal eher tragisch („Maybe next time"). Ihre Stimme macht alle Gefühlsregungen mit und ihre Präsenz füllt zeitweise die Bühne. Man fragt sich fast: Was hat Liza Minelli, was Jennifer nicht hat?
Auch das zweite Liebespaar brilliert durch die Idealbesetzung schlechthin. Anna Freitag verkörpert glaubwürdig das ältliche Fräulein Schneider, eine Frau, der das Leben nichts geschenkt hat, die aber das Beste aus ihrem Schicksal macht, realistisch, weit entfernt von Selbstmitleid, kommentiert in dem flotten Song „Na und". Geradezu tragikomisch ist die aufkeimende Liebe zwischen ihr und Herrn Schultz, gespielt von Lukas Penka in seiner bisher überzeugendsten Rolle und der sogar einen Abend lang einen zu Herzen gehenden jiddischen Akzent beibehält. Schließlich erobert er mit Südfrüchten das Herz von Fräulein Schneider, und beim Duett „Ananas" möchte man weinen und lachen zugleich. Das rührende Lied - mit einem Hauch Klezmer -  vom hässlichen „Misnick" zeigt deutlich sein ganz besonderes komisches Talent.
Die Auftritte im Kit-Kat-Club sind ein verzerrtes Spiegelbild des Lebens der Hauptpersonen. Der Conférencier (Carsten Engel/Birger Roß) ist ein undurchschaubarer Verführer, der charmant-mehrsprachig die Gäste in sein Etablissement lockt. Herrlich die Szene mit ihm und seinen zwei schräg jodelnden Gespielinnen (Dorothea Plehn/Anica Wurmbrand), in der er die Schneidersche Pension karikiert. Beschwingt-liebevoll sein Auftritt mit einer Affendame: „If you could see her through my eyes", eine Anspielung auf Fräulein Schneiders Verhältnis mit einem Juden.
Beine werfen wie die Tiller Girls, ein waschechter Cancan à la Moulin Rouge, Steppnummern oder Charleston: Die Club-Girlies genießen ihre Rollen, ob als hervorragende Tänzerinnen und Sängerinnen oder als laszive Verführerinnen, auf jeden Fall als Blickfang! Die Choreographie stimmt - dank Inge Schön.
Was wäre aber das alles ohne das riesengroße Orchester, unterstützt von den „Ehemaligen" Hans-Jörg Döbele, Jonathan Essig und Frédéric Rumm, das mit den weltbekannten Songs im Stil der 20er Jahre das Geschehen auf der Bühne mit bewundernswerter Perfektion begleitet, für ein Wechselbad der Gefühle sorgt. Besser als mit den Dissonanzen, die sich am Ende in das „Willkommen" mischen, das verzerrte „Deutschlandlied", das das „Willkommen" wertlos macht, könnte man die politische Veränderung kaum spürbar machen.
Einfach „einmalig himmlisch!" (el)