"Cabaret" - Rezension in der Heilbronner Stimme

Von Menschen, die nur verlieren können

Von Ulrike Maushake / Heilbronner Stimme vom 15.7.2008 

Brackenheim - „Willkommen! Bienvenue! Welcome!" singt der Conférencier und verwandelt mit seinem Erscheinen das Brackenheimer Bürgerzentrum flugs in ein zweifelhaftes Lokal. Elegant, doppelgesichtig, undurchdringlich, dieser Conférencier. Carsten Engel aus der zwölften Klasse gibt ihm eine Mischung aus Zynismus und Nonchalance. Er lädt nicht nur zu einem vorgeblich seichten Abend ein, im halbseidenen Milieu des Berlins der 30er Jahre, sondern auch zum Höhepunkt des Schuljahrs im Zabergäu-Gymnasium. Schulorchester und Theater-AG inszenierten mit den Lehrern Welf Schoch, Daniel Strasser, Siegfried Liebl, Inge Schön und Sybille Proksch das Musical „Cabaret".
Liebe zum Detail Mit unglaublichem Aufwand, detailverliebter Sorgfalt und schier professionellem Können erstaunten und begeisterten sie ihr Publikum, ernteten am Wochenende stürmischen Applaus.
Insgesamt haben etwa 150 Schülerinnen, Schüler, Lehrerinnen und Lehrer am Gesamtkunstwerk technisch, bildnerisch, musikalisch, darstellerisch mitgewirkt. Sie schafften es tatsächlich, eine echte, alte Abteilbank für die Szenen im Zug aufzutreiben. Sie scheuten sich nicht, das schwere Plüschsofa etwa zehn Mal von der Bühne zu heben, um es durch ein ebenso schweres, metallenes Bett zu ersetzen, je nachdem, in welchem Zimmer die Szene spielte.
Es gelangen die Akzente zur Kolorierung der Zeit, in der das Stück spielt. Sei es in der Auswahl des Kittelkleids der Wirtin, der frivolen Strümpfe der leichten Damen, der Affenmaske in der Szene „If you could see her with my eyes". Wunderbar ausgestaltet die Höhepunkte, zum Beispiel die Verlobungsszene. Wohl keiner im Publikum, der nicht eine Gänsehaut bekam, im Moment, da die Fröhlichkeit der Feier dem Ernst des Nazi-Aufmarsches wich.
Höchste Konzentration Beeindruckend auch die Akkuratesse, mit der das Orchester die Aufführung begleitete. Nicht nur die Fünftklässler werden gekämpft haben. Mit den anspruchsvollen Rhythmen, den schwierigen Sätzen, und um überhaupt den Zugang zu dieser Musik zu finden. Die Aufführung verlangte den Musikern permanent hohe Konzentration ab, drei Stunden lang.
Sie verloren ebenso wenig an Spannung und Energie wie die Darsteller auf der Bühne, die nicht nur viel Text beherrschen mussten, sondern auch Gesang im Chor oder Solo und zudem Cancan, Stepp und Walzer tanzten. Wieso können die alle so fantastisch singen? Und wie Jennifer Hötzl ihre schwere Aufgabe meisterte, Sally Bowles darzustellen, wie sie die tragisch-leichte Sängerin mit zartem Flair umwob. Wie es Lukas Penka schaffte, dem jüdischen Obsthändler Farbe zu geben: grau wie die Zukunft, leuchtend orange wie Apfelsinen aus Sevilla. Wie Anna Freitag es gelang, als liebenswürdig-mütterliches Fräulein Schneider ein spätes Glück zu erleben - und dann doch nicht. Und wie Marius Blatt glaubhaft die Wandlung des jungen, amerikanischen Intellektuellen darstellte.
Das war eine Ebene des Erlebens. Eine andere war, der Wirkung eines Musicals neu nachzuspüren, in dem es unter anderem um vier Figuren geht, die, wie auch immer sie sich entscheiden, nur verlieren können: Glaube, Liebe, Hoffnung. Das Leben gar. Es geht um etwas in diesem Stück. Um eine persönliche Zukunft. Es war berührend, zu verfolgen, wie junge Menschen mit viel Zukunft spielerisch ausprobierten, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn man keine hätte.