"Die Physiker"
Eine Ära geht zu Ende
Mit „Die Physiker" verabschiedet sich Welf Schoch von der Schulbühne
„Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie die schlimmstmögliche Wendung genommen hat." So Punkt 2 der 13 Punkte Friedrich Dürrenmatts zu seiner grotesken Komödie „Die Physiker".
Für Welf Schoch, der 30 Jahre lang mit seiner Theater-AG am Brackenheimer Zabergäu-Gymnasium Dramen der Weltliteratur und zusammen mit Siegfried Liebl die bekanntesten Musicals auf unglaublich hohem Niveau aufgeführt und Tausende von Zuschauern bestens unterhalten hat, ging am Wochenende eine anstrengende, aber erfüllte und erfolgreiche „Theater"-Geschichte hoffentlich mit der bestmöglichen Wendung zu Ende. Noch einmal begeisterten seine Schauspieler das Publikum im ausverkauften Bürgerzentrum, bevor der letzte Vorhang fiel: Der Theatermensch des Zabergäus geht mit Ende des Schuljahres in Pension und hat sich mit einem seiner Lieblingsstücke von der Schulbühne verabschiedet, sicher mit einem shakespeareschen lachenden und einem weinenden Auge.
Zur Komödie: Man befindet sich in einem exklusiven Schweizer „Sanatorium", einem Irrenhaus der Nobelklasse. Klinisch weiß erstrahlen die wenigen schnörkellosen Möbel (wieder einmal eine großartige Leistung von Sybille Proksch und ihrer Bühnenbild-AG), die Türen sind so schräg wie die Patienten Sir Isaac Newton, Albert Einstein und Johann Wilhelm Möbius, der Welt bester Physiker, in dessen Zimmerecke der heruntergekommene König Salomo darbt. In Wirklichkeit sind Newton und Einstein ebenfalls geniale Physiker, die als Agenten für zwei unterschiedliche Geheimdienste arbeiten und die sich im Sanatorium eingenistet haben, ohne dass der eine vorerst die Wahrheit über den anderen weiß. Beide wollen Möbius, der natürlich keinen Salomo im Zimmer beherbergt, auf ihre Seite ziehen. Die drei betreuenden Krankenschwestern, die sich in die Patienten verliebt haben, werden von den Wissenschaftlern erdrosselt: Sie hätten der jeweiligen Mission gefährlich werden können. Am Ende geben sich alle zu erkennen, beschließen nach heftigem Ringen, dem Wohle der Menschheit zuliebe für immer in der Anstalt zu bleiben. Doch ihr Rettungsversuch kommt zu spät. Die einzige Verrückte, Fräulein Dr. Mathilde von Zahnd, die Irrenärztin, hat die Weltformel, die Möbius vernichtet hat, schon längst kopiert, ein Weltimperium aufgebaut und zur Vernichtung der Welt angesetzt.
Die Zuschauer werden in einen einzigen Raum entführt, wo mit Leichtigkeit, witzigen Bonmots und großer Spielfreude ein so ernstes Thema wie die Verantwortung des Wissenschaftlers für seine Erfindung in zwei Akten abgehandelt wird - wie immer von hervorragenden Schauspielern.
Carsten Engel hat eine schwierige Rolle, die ihm ein Wechselbad der Gefühle abverlangt. Er ist der moralische Wissenschaftler, der um seine Verantwortung weiß und schon vor 12 Jahren zur Rettung der Welt ins Irrenhaus geflohen ist. Glaubwürdig wechselt er zwischen Aggression, wenn er von Salomo erzählt, zu zärtlicher Verliebtheit, auch wenn er notgedrungen die verliebte Krankenschwester (Dorothea Plehn) erdrosseln muss. Sprachlos und verletzt wirkt er, als seine Familie sich für immer von ihm verabschiedet. - Ganz anders der witzige, schlitzohrige, stilecht gekleidete Lukas Penka, der geborene Komödiant im besten Sinne. Seine Art zu sprechen, sich zu bewegen, sich am Essen zu erfreuen oder spitzbübisch dem armen Kriminalinspektor Voß (Thomas Hofmann) einen Bären aufzubinden, macht glauben: So war Newton. Mit seinen Bemerkungen sorgt er für erleichterndes Lachen im Publikum: „Nach meiner Krankenschwester verging mir auch der Appetit." - Marius Blatt mit silbergrauer Einstein-Wuschelperücke und silbernem Schnauzbart verkörpert leichtfüßig und immer etwas abwesend das geigende Genie, das sich nach den Mordfällen mit der Kreutzersonate von Beethoven abreagieren muss. Seine sympathische Treuherzigkeit legt er gekonnt mit seiner Perücke ab.
Die anspruchvollste Rolle hat Anna-Lena Michel als Fräulein Dr.Mathilde von Zahnd. Schrullig wie einst Therese Giehse, grauhaarig, im 90°-Winkel auf ihren Stock gestützt, sodass man als Zuschauer fast Kreuzschmerzen bekommt, hinkend, gestikulierend, mit stets hängenden Mundwinkeln und einem Hauch Schwyzerdütsch entwickelt sich Anna-Lena von der „hoffnungslos romantischen Philanthropin", die man sofort ins Herz schließt, zur gefährlichen Irren, die tatsächlich an Salomos Erscheinen glaubt und mit Hilfe dreier brutaler Wächter die drei Physiker in Schach hält, hinterhältig, sich ihrer Überlegenheit bewusst. Eine absolute Glanzrolle für die vielseitige Abiturientin.
Am Ende ein stimmungsvoller Abschied. Carsten und Lukas führen durch 30 Jahre Theatergeschichte mit einer kleinen Bilderpräsentation, erinnern an den Werdegang, die beengten Anfänge in der alten Stadthalle (heute Mensa). Zwei Schüler aus Welf Schochs erstem Schuljahr in Brackenheim, Klaus Dieterich und Peter Koch, überbringen ein Grußwort, gefolgt von einer sehr persönlichen Würdigung durch Schulleiter Wolfgang Frey sowie der langjährigen „Mitarbeiterin", Bühnenbildnerin Sybille Proksch. Und als großes Finale Rosen für den Regisseur - von gut 30 ehemaligen Schauspielern, die zum Teil von weither angereist sind, um diesen besonderen Moment gemeinsam zu begehen.
Ein großes Dankeschön an alle erwähnten und nicht erwähnten Schauspieler, Techniker und an all diejenigen, die zu dem unvergesslichen Abend beigetragen haben. (el)
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