Einen auf Gaga machen

 

 

 

 

 

 

Spastiker Jeppe besucht eine Biker-Kneipe. Eine von vielen kleinen Szenen, in denen vorgeführt wird, wie „Normalos" auf Behinderte reagieren. Foto: Ulrike Maushake

 

Brackenheim Theater-AG des Zabergäu-Gymnasiums beeindruckt mit Inszenierung „Idioten" 

Von Ulrike Maushake

Worin liegt der Sinn einer Gesellschaft, die immer reicher wird, aber niemanden glücklicher macht?" Eine dieser Fragen des Abends. Verzwickte Fragen, das merkt man erst, wenn man versucht, sie sich selber zu beantworten. Noch verzwickter wird es, wenn man sich überlegt, wie dieses zu ändern sei? „Einen auf Gaga machen", empfiehlt Stoffer, charismatischer Chefideologe einer Aussteiger-Wohngemeinschaft und einer der vermeintlichen „Idioten" im Stück des dänischen Filmregisseur Lars von Trier.
Kein leichter Stoff, den die Theater AG des Zabergäu-Gymnasiums geschultert hatte. Die Premiere am Donnerstagabend im Bürgerzentrum Brackenheim bestand das Schülerensemble mit Bravour.
Winzige Szenen reihen sich aneinander, entfalten sukzessive das Anliegen des Stücks. Wunderbar herausgespielt, eine sich steigernde Dramatik, eine zunehmend aggressive Spannung und schließlich das berührend leise Ende: Der Selbstversuch eines Gegenlebens scheitert, die Gruppe zerbricht.
Andeutungen Die Schauplätze wechseln. Ein Restaurant, eine Fabrik, die Stahlwolle produziert, ein Schwimmbad, eine Biker-Spelunke, das schicke Büro einer Werbeagentur: Spastisch, sabbernd, lallend provoziert die „Behinderten-WG" die Außenwelt. Geschickt werden die jeweiligen Szenerien angedeutet. Auf mehrere Reihen geraffter Vorhänge, die an bürgerliche Wohnkultur erinnern, werden Fotos projiziert, deren Motive sich in den Falten brechen. Eine bühnenbildnerische Finesse, die mit dem Außen und dem Innen spielt und über die man lange nachdenken kann.
Spannend auch die Filmsequenz, die die Aufführung eröffnet. Sie erinnert nicht nur an die Wichtigkeit, die der so berühmte wie umstrittene Lars von Trier der Handkamera einräumt. Sie stellt auch die zentrale Figur in den Mittelpunkt, die im weiteren Verlauf des Stückes zunächst eher am Rande agiert, unentschlossen, fragend und distanziert: Karen, eine junge Frau im Trauerschock; ihr Baby starb vor 14 Tagen. Sie allein schafft es, den Idioten auch vor den Menschen zu spielen, die ihr etwas bedeuten. So gelingt es ihr, sich aus kalten, gefühlsarmen, gewalttätigen Familienbindungen zu lösen.
Mit Spannung erwartete das Publikum die Aufführung der Theater-AG, die erste ohne den langjährigen Leiter Welf Schoch. Raphael Solian, der dieses Mal die Regie führte, hat eindeutig eine andere Handschrift. Krass, provokant, schrill sind das Stück und seine Inszenierung. Junges Theater, gespielt von bewunderungswürdigen Darstellern, die ganz aus sich herausgingen und wahre Glanzleistungen
hinlegten.
Beifall Laura Nagel zum Beispiel, als traumatisierte Karen, Lukas Penka als autoritärer, Bühnen beherrschender Gruppenleiter, oder Anica Wurmbrand als Katrine, das Enfant terrible - um nur einige zu nennen. Applaus für die Kreativität und den Mut von Ralph Solian, für die schauspielerischen Leistungen, die Ästhetik des Bühnenbildes, geschaffen von der Gruppe um Sybille Proksch. Der Einsatz aller Beteiligten, vor oder hinter der Bühne, setzt die Erfolgsgeschichte eines erstaunlichen Schülertheaters fort.

Heilbronner Stimme vom 10.7.2010