Sei gaga – und du bist normal!?
Theater-AG des Zabergäu-Gymnasiums wagt sich an Lars von Triers „Idioten“
Die Bühnenfassung von Lars von Triers Film „Idioten“ löste am letzten Donnerstag und Freitag im Publikum, das nach der Vorstellung noch Fragen an das Team stellen konnte, unterschiedlichste Emotionen aus. Auch bei den jungen Schauspielern, die ein Jahr lang für ihren Auftritt intensiv geprobt hatten, gingen die Gefühlswellen noch einmal hoch. Ohne den Film zu kennen, hatten sie unter der Anleitung von Raphaël Solian die schwierigen Charaktere, die sie spielten, selbst entwickelt, individuell gestaltet. Keine geringe Anforderung an die Jugendlichen!
Was in rund 20 Einzelszenen auf der Bühne präsentiert wird, ist nahezu perfekt: das Video zu Beginn, das in zarten Farben das Leben von Karen (Laura Nagel/Lea Cremer) zeigt, bevor diese zur „Idioten“-Gruppe stößt; die phantastische Bühnengestaltung von Sybille Proksch und ihrem Team – auf Wolkenstores projizierte, schemenhafte Fotos; die schauspielerische Leistung des enthusiastischen Ensembles, das sich auf der Bühne austoben darf und eine erstaunliche Bandbreite an Gefühlsregungen authentisch vermittelt, ob depressiv schluchzend oder orgiastisch ausschweifend.
Zum Inhalt: Eine bunte Gruppe junger Menschen, angeekelt vom spießbürgerlichen Leben, beschließt unter der Leitung des durchaus autoritären Stoffer (Lukas Penka), aus der Gesellschaft auszusteigen, sich wie Irre zu gebärden, zu provozieren, um so den „inneren Idioten“ zu finden und frei zu werden, aber auch von der Gesellschaft zu profitieren. Ein Experiment, dem eine tiefere Philosophie fehlt und das daher von Anbeginn zum Scheitern verurteilt ist.
Nach und nach fügen sich die einzelnen Szenen wie Puzzleteile zusammen und erschließen den Inhalt: Karen, die als Letzte zur Gruppe stößt und wie ein Außenseiter wirkt, hat ihren kleinen Sohn verloren. Sie setzt sich vor der Beerdigung von zu Hause ab und besteht schließlich als Einzige den „Idiotentest“, als sie sich beim Besuch in ihrer Familie „gaga“ verhält. Verrückt in der Gruppe? Ja! Aber bei Menschen, die man liebt? Niemals! Das Auseinanderbrechen der Gruppe kann Karen nicht verhindern. Sowohl Laura Nagel wie auch Lea Cremer (manche Rollen sind an den beiden Abenden unterschiedlich besetzt) interpretieren glaubwürdig diese schwierige Rolle: verstört, verunsichert, zögerlich, mit der Gruppe hadernd, schließlich fest entschlossen, sich als Idiot zu behaupten, um zu retten, was nicht zu retten ist.
Lukas Penka als Anführer der Gruppe hat einen schweißtreibenden Part und darf sich auf der Bühne austoben. Ein letztes Mal (Lukas hat gerade sein Abitur gemacht) präsentiert er sich facettenreich mal als Gönner, philosophischer Vordenker, Zyniker, autoritärer Führer, enttäuschter Rüpel. Er geht in der anstrengenden Rolle auf, ist überzeugend.
Amüsante Verschnaufpausen: die Szene im Schwimmbad mit Aufblasdelphin „Dörte Chantal“ oder Fast-Spasti Jeppe (Jakob Seidler/Yannik Fritz) in „Kurzzeitpflege“ bei den tätowierten Rockern (Yannik Fritz/Jakob Seidler und Theodor Flammer).
Anrührend die Szene, in der Josephine (Leonie Baum/Svenja Mielke) Jeppe ihre Liebe gesteht, die aber in dieser Umgebung keinen Bestand hat: Sie wird von ihrem Vater nach Hause gezerrt, Jeppe auf einer Bahre weggeschoben. „They’re coming to take me away…“
Clever: Der gesamte Vorgang auf der Bühne wird von der Psychotherapeutin (Lea Göppert), die den Kunstlehrer Henrik (Philip Reese) betreut, am Rande beobachtet, und in kurzen „Sitzungen“ erfährt der Zuschauer mehr über die Probleme der Personen, während die Szenenbilder im Hintergrund „einfrieren“.
Über das Stück mögen die Meinungen unterschiedlich sein, nicht über das brillante Team und seine grandiose Inszenierung. (el)
Bei Michael Reichert, Jgst. 12, kann für 2 Euro eine CD mit Fotos von den "Idioten" bestellt werden."