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Jeremiah Diehl (6d)

Zuhause ist es (nicht) am Schönsten

 

Jakob lag in seinem Bett und war wach. Er tastete an seinem Bein entlang. Dort spürte er den großen blauen Fleck, den ihm Joshua verpasst hatte. Er seufzte: „Wenn ich doch nur einen großen Bruder oder einen guten Freund hätte! Der könnte dem blöden Kerl so richtig die Meinung sagen!“ Jakob erinnerte sich an den Tag: Am Morgen war er aufgestanden und hatte seine Eltern streiten gehört, das taten sie sehr oft. Nach dem Frühstück war er voller Hast in die Schule, die auf der anderen Straßenseite lag, gerannt. In den ersten beiden Stunden hatte er Deutsch gehabt. Der Junge war, wie so oft, von Joshua und Tim mit blöden Sprüchen und Papierkügelchen beworfen worden. In der Pause war es ihm nicht besser ergangen, denn dann hatten die anderen sogar noch mehr Zeit gehabt, ihn zu schikanieren. Nach der Schule war Jakob nach Hause gegangen und hatte schnell seine Hausaufgaben gemacht. Sein Mittagessen hatte er sich selbst gekocht, denn seine Eltern kamen immer erst sehr spät nach Hause. Das Kochen machte ihm mittlerweile sogar Spaß. Als er seinen einzigen Freund Mehmet anrufen gewollt hatte, hatte ihm dieser mitgeteilt, dass er schon mit Joshua „abhängen wollte“. Also hatte er ein wenig Fußball im Hof gespielt, doch ohne Mehmet war es nicht so spaßig gewesen. Den Rest des Tages hatte er abwechselnd im Stadtpark und vor dem Fernseher verbracht.

Jetzt suchte er nach seiner Armbanduhr und schaltete das Licht an. Mit einem Blick darauf vergewisserte er sich, dass es erst zehn Uhr war. Der Junge tappte zum Fenster und schaute auf die Straße. Doch da war keine Straße mehr! Jakob blinzelte verschlafen, doch das Bild blieb: Anstatt der Straße standen überall Bäume oder Sträucher. Nur ein Schlängelpfad schlug sich durch das Unterholz. Jakob blickte erstaunt an sich herab. Aber sein Schlafanzug war von einer weiten, langen Lederhose, einem Leinenhemd in schmutzigem Grau und einer braunen Fellweste abgelöst worden. An seiner linken Seite hingen Ledersäckchen an einem schwarzen Gürtel und auf der rechten ein beängstigend langer Dolch. Verblüfft drehte sich der Junge um, in der Hoffnung, dort sein Zimmer unverändert vorzufinden. Aber nichts da, er stand mitten in einem hohen Strauch auf einem grünen Hügel. Der Wind bewegte die Sträucher. Doch Moment, nicht der Strauch bewegte sich, sondern der Hügel!

Erschrocken stolperte Jakob weg von dem Erdbeben. Dann rannte er den Schlängelpfad entlang, es ging über Wurzeln und Steine. Nach ein paar Minuten Lauf kam er keuchend zum Stehen. Als Jakob sich umsah, nahm er zum ersten Mal die seltsamen Geräusche wahr. Ein paar davon kannte er aus dem Stadtpark, die anderen waren sonderbar: Er hatte das Gefühl, dass sich über ihm in den Baumkronen etwas Großes bewegte. Doch als er hinsah, war das Etwas verschwunden. Da! Eine kleine Gestalt schoss an ihm vorbei. Jakob rannte wie ferngesteuert hinterher. Doch nach einer Weile verlor er das rotbraune Tierchen aus den Augen: „Ein Eichhörnchen! Puh, endlich einmal etwas ganz Normales.“ Doch schon als er das leise zu sich selbst sagte, erhob sich ein ohrenbetäubendes Gebrüll: „Rooaar!“ Eine Flammensäule erhob sich keine dreißig Schritte von ihm entfernt! Erschrocken schrie er auf. Der Junge wollte weglaufen, doch er war wie erstarrt. Dann hörte er gebrüllte Befehle rings um ihn herum: „Links, Lilia, willst du ihn nun fangen oder nicht?“ Eine Mädchenstimme rief zurück: „Ich setze doch mein Leben nicht umsonst aufs Spiel, natürlich will ich ihn fangen!“ Erstaunt, dass er menschliche Stimmen hörte, ging er darauf zu. Noch einmal kam das Gebrüll: „ROAR!“

Flugs brach er durch das Dickicht auf eine Lichtung und erstarrte – mitten auf der Lichtung lagen vier schuppige Echsen, drei kleine, die von einer großen umhüllt waren. Jakob sah außerdem zwei Menschen, einen mit Speer, einen mit einem langen Bogen und einem Köcher voller Pfeile. Der Junge sah, dass die Gestalt mit Bogen ein Mädchen war, die andere ein junger Mann. Jakob sah, wie das Mädchen einen Pfeil auf die große Echse, die sich, als er genauer hinsah, als geflügelt entpuppte, schoss. Er sah auch, dass in den Armen und Beinen der Echse Pfeile steckten. Jetzt hatte das Mädchen Jakob bemerkt und richtete ihren Bogen auf ihn. Geistesgegenwärtig nahm er die Hände nach oben. Das Mädchen tippte dem Mann sanft in die Kniekehlen und der drehte sich verwundert um: „Oh, wer ist das, Lilia?“ – „Keine Ahnung, du Dummkopf, aber er ist bewaffnet.“ Sie senkte kurz den Bogen und deutete auf den Dolch. Jakob warf ihn weg. Der Mann sagte jetzt freundlich: „Würdest du bitte kurz auf uns warten? Wir haben einen Draaa….“

Die große Echse hatte sich Feuer speiend auf die beiden Jäger gestürzt. Die rannten mit angekokelten Haaren davon. Und jetzt erkannte Jakob deutlich, was es war: Ein DRACHE!

Als nächstes kletterten die drei kleinen Drachen aus ihrem Nest. Einer, er war schwarz und silbern gescheckt, krabbelte sogar bis zu ihm heran. Eine Stimme in seinem Kopf sagte: „Keine Angst, ich tue dir nichts. Du musst mir, meiner Schwester und meinem Bruder Namen geben! Sonst wirst du geröstet werden.“ Irgendwie wusste Jakob, dass das Drachenjunge mit ihm geredet hatte. Ohne zu zögern nannte er drei Namen: „Dein Bruder soll Steinzahn heißen, weil er so grau ist. Deine Schwester soll Goldklaue genannt werden, sie ist goldgelb geschuppt. Und du wirst Nachtblitz heißen, denn du bist schwarz wie die Nacht.“ Jakob bemerkt, dass Nachtblitz ihn verstanden hatte und seinen Geschwistern ihre Namen zuraunte. Instinktiv, als hätte er immer schon mit Drachen gesprochen, fragte er: „Sollen wir eine Runde zusammen fliegen?“

In den nächsten Wochen wurde Nachtblitz immer größer und überragte seine Mutter, Feuerauge, die die Jäger vertrieben hatte, bald. Auch seine Geschwister wuchsen und Jakob flog fast jeden Tag auf dem Rücken von Nachtblitz. Jakob jagte zusammen mit den Drachen tagsüber nach Beute und sie verzehrten sie anschließend gemeinsam. Das Leben war nicht vollgepackt mit Elternstreit, Schule, Aufgaben und Ärger mit Joshua. Der Junge war glücklich und zufrieden in der Gesellschaft der Echsen im Wald.

Nach ungefähr zwölf Wochen, die beiden glitten gerade übers Meer hinweg, erklärte der Drache: „Du musst vor dem nächsten Vulkanausbruch in deine Welt zurückkehren, sonst kannst du das nie mehr.“ Als sie wieder sicher auf einer Lichtung gelandet waren, grübelte der Junge immer noch: Auf der einen Seite war da die wunderbare Drachenwelt, auf der anderen Seite seine Eltern und seine Klassenkameraden.

Er beschloss, in der Drachenwelt zu bleiben!!