Mein Schulalltag in Ecuador

An der Küste Ecuadors geht das Schuljahr von April bis Januar. Von Mitte Januar bis Ende März sind Sommerferien. Damit startete ich nach meiner Ankunft Mitte August – während der deutschen Sommerferien – hier mitten im Schuljahr. Gleich am ersten Tag hier habe ich mit meiner Gastmutter die Schulkleidung – einen kaffeefarbenen Faltenrock, ein T-Shirt mit dem Logo meines Colegios, weiße Kniestrümpfe und braune Schuhe – eingekauft und seitdem besuche ich das Colegio Nacional Rocafuerte. Das ist eine öffentliche Schule mit 1600 Schülerinnen und Schülern.

In Ecuador kommen die Kinder mit fünf Jahren in die Grundschule. Die ersten zwei Jahre sind aber eine Art Vorschule, denn der richtige Unterricht beginnt erst mit sieben Jahren. Mit 12 Jahren können die Schüler auf ein Colegio gehen. Dort durchlaufen sie die Klassen octavo, noveno, decimo. Diese Klassen werden morgens von 7:15 Uhr bis um 12:45 Uhr unterrichtet. Die 15- bis 17-Jährigen kommen dann in das primero, segundo und tercero de Bachillerato, d.h. erstes, zweites und drittes Abiturjahr. Diese Jahrgänge haben von 13:00 bis 18:50 Uhr Schule. Und abends von 19:00 Uhr bis 22:45 sind noch Erwachsene in der Schule, die ihr Abitur nachholen möchten. Der Unterricht ist in jeweils zwei Blöcke von vier Stunden à 40 Minuten eingeteilt mit einer Pause von 30 Minuten dazwischen. Es gibt fast keine Doppelstunden und keine Pausen zwischen den einzelnen Unterrichtsstunden. Damit gehen von jeder Stunde schon mal mindestens fünf Minuten verloren. Man wechselt das Klassenzimmer nur, wenn man in Fachräume geht, sonst kommen die Lehrer in das Klassenzimmer.

Ich gehe in das segundo de Bachillerato. Damit fängt für mich die erste Stunde um 13 Uhr an. Bis jetzt werde ich noch von einem Freund der Familie mit dem Auto dorthin gefahren. Aber das wird sich bald ändern, da ich demnächst mit dem Bus fahren darf. Nach ungefähr zehn Minuten schneller(!) Fahrt komme ich an meinem Colegio in Rocafuerte an. Dort strömen mir um diese Zeit die 600 Schüler nach dem Schulschluss des Vormittagsunterrichts entgegen. Bevor ich durch das Schultor gehe, ziehe ich mir meinen Faltenrock nochmal zurecht und ziehe meine Kniestrümpfe hoch. Am Tor stehen zwei Inspektoren, die überprüfen, ob der Rock bis zu den Knien reicht, die Mädchen einen weißen Gürtel und die Jungs einen braunen Gürtel tragen. Als einzige Ausländerin dieser Schule werde ich immer mit einem besonders höflichen „Buenas tardes!“ begrüßt und darf rasch durchgehen.

Der Umgang mit den Lehrern und Lehreinnen ist sehr freundschaftlich. Man umarmt sich, spricht die Lehrer aber nicht mit dem Namen, sondern mit „Profe“ an. Das macht es für mich einfacher, denn die meisten haben hier mindestens zwei Nachnamen.

Montags beginnt die Schule immer mit der Nationalhymne. Dazu stellen sich alle Schüler auf dem Schulhof in Reihen auf. Punkt 13 Uhr ertönt die Nationalhymne aus allen Lautsprechern. Diese wird von allen laut mitgesungen – immer mit einer Hand auf dem Herzen. Dann folgen die Ansagen des Schulleiters für diese Woche. An allen anderen Tagen überquere ich sofort diesen überdachten Schulhof, der zugleich als Turnhalle dient, um in mein Klassenzimmer zu gehen. Dort werde ich von meinen Schulkameraden mit einem Kuss auf die Wange begrüßt. Wenn der Lehrer erscheint, stehen alle Schüler wie automatisch auf und setzten sich erst wieder auf Kommando des Lehrers. Erst dann fängt der eigentliche Unterricht an.

Es gibt hier keine richtigen Tische mit Stühlen, wie ich es von zu Hause gewohnt bin, sondern Stühle mit jeweils angebrachter kleiner Schreibfläche, die in einzelnen Reihen hintereinander stehen. Eigentlich sollten die den Vorteil haben, dass die Schüler nicht miteinander reden können. Aber sie scheinen ihren Zweck nicht zu erfüllen, denn hier reden alle, wann sie wollen, und die Schüler stehen während des Unterrichts sogar auf und laufen durch das Klassenzimmer.

Es gibt hier eigentlich genau die gleichen Fächer wie in Deutschland, dazu noch „Educacion Cuidadanía“, das ist so etwas wie Staatsbürgerkunde. Gerade untersuchen wir ein Gesetz über Gewalt. Das Schulbuch behandelt verschiedene Gesetze und dazu gibt es Beispiele von Situationen, in denen das Gesetz nicht eingehalten wurde.

Den Englischunterricht finde ich lustig. Das Niveau der 12. Klasse hier ist mit der 7. oder 8. Klasse in Deutschland zu vergleichen. Die Englischlehrerin fragt mich ständig, wenn sie etwas nicht weiß!

In Lenguaje, das ist wie in Deutschland das Fach Deutsch, nur hier eben Spanisch, werden gerade Gedichte über Atahualpa – den letzten Herrscher des Inkareiches – behandelt. Aber nicht von der Lehrerin, sondern von den Schülern. Jeder bekommt ein Thema zugeteilt und macht dann eine kurze Zusammenfassung auf ein Plakat. Diese wird dann einfach vor der Klasse vorgelesen. Ich durfte stattdessen ein Kurzreferat über Friedrich Schiller halten. Selbstverständlich auf Spanisch!

In Educacion Artística, das ist Musik, malt der Lehrer Noten an die Tafel, auf die übrigens nicht mit Kreide, sondern mit Edding-Stiften geschrieben wird. Die Klasse muss dann die Melodie mit der Hand auf dem kleinen Tisch nachklopfen. Dann dürfen es Schüler auch noch freiwillig alleine vormachen.

Biología findet in einem „Fachraum“ statt. Zurzeit behandeln wir das Thema „Zelle“. Meist schauen wir dazu Filme und schreiben mit, was darin gesagt wird. Oder wir erarbeiten in Gruppen Referate dazu.

Es gibt für alles Noten. Immer wenn etwas aufgeschrieben wird oder eine Aufgabe gelöst hat, zeigt man das dem Lehrer und bekommt dafür eine Note zwischen 0-10, wobei hier 10 die beste Note ist.

Die 30-minütige Pause verbringe ich meist mit meinen Freundinnen an der Bar oder auf dem Schulhof. An der Bar gibt es Essen, Trinken und Eis zu kaufen. Das Wasser wird hier in 500ml-Plastikbeuteln verkauft. Zum Trinken reißt (oder beißt) man eine Ecke der Tüte ab und trinkt daraus.

Nach Schulschluss um 18:50 Uhr gehe ich wie alle anderen Schüler ins Zentrum von Rocafuerte, um mit dem Bus nach Hause zu fahren.

Die Hausaufgaben mache ich dann immer am nächsten Morgen am Küchentisch. Zum Glück ist entweder meine Gastmutter oder Gasttante in der Nähe, um meine Fragen zu beantworten oder mir da weiterzuhelfen, wo ich nicht alles verstehe. Normalerweise sitze ich ca. eine halbe bis eine Stunde über meinen Heften und Büchern. Alles, was ich während des Unterrichts an der Tafel abgeschrieben habe, muss sauber in das „Cuaderno“ (Schulheft) geschrieben werden. Meine Idee, im Unterricht sofort in das cuaderno zu schreiben, um mir diese Arbeit zu ersparen, fanden die Lehrer nicht gut. Ich wurde ermahnt, es zu Hause nochmals sauber abzuschreiben. Dann gibt es zusätzlich – wie zuhause in Deutschland auch – in den einzelnen Fächern Aufgaben, die man als Hausaufgabe lösen soll und dann am nächsten Tag zur Benotung abgibt. Auch die cuadernos werden regelmäßig auf Vollständigkeit überprüft. Dazu gehört, dass die Seiten im Buch, die den entsprechenden Unterrichtsstoff enthalten, ebenfalls zusammengefasst sein müssen. Dies wird außerdem von den Schülern als Referat vorgetragen. An jedem Tag eine andere Gruppe, die vom Lehrer dazu eingeteilt wurde. Ich durfte dabei einmal ein Kurzreferat über die Kirche in Ecuador halten.

Noch immer ist jeder Tag hier aufregend und spannend! Ich freue mich auf die Zeit, die noch vor mir liegt.

 

Paulina Siegel