Man muss sich nicht alles gefallen lassen

Präventionstheater Q-Rage sensibilisiert für Grenzbereiche

Lars (Daniel Neumann) singt zu den Liedern  aus seinen Kopfhörern. Franzi (Katrin Schweitzer) blättert in einer Mädchenzeitschrift. Franzi mag Lars gern, findet ihn cool, und Lars findet Franzi süß. Da wäre doch ein erstes Date fällig. Aber wie fängt man das an?
Jörg Pollinger, Techniker und Moderator, ist als „Nachhilfelehrer“ echt gefordert, denn die beiden Protagonisten zieren sich ordentlich – und die Schüler der siebten Klassen, für die das interaktive Stück am Dienstagmorgen auf der Mensabühne aufgeführt wird, verstehen die Situation nur allzu gut.
„Wer macht den Anfang?“  Der Moderator wartet auf eine Antwort aus dem Publikum, lässt abstimmen. Man ist – bis auf wenige Ausnahmen – konservativ: „Den ersten Schritt macht der Junge!“
Auch was dann folgt, können die Jungen und Mädchen gut nachvollziehen und kichern verständnisvoll. „Was soll ich denn anziehen? Schminke – ja oder nein?“ Da hilft nur ein Telefonat mit der Freundin. Und Lars? Wie soll er Franzi ansprechen? Mit coolen Machophrasen? Die Nerven liegen blank – und die Schüler amüsieren sich. Soll man das Date nicht besser absagen? Aber nein! Aus dem Publikum kommen Tipps: „Wenn Lars Franzi mag, dann mag er sie auch ohne Schminke!“ Oder: „Franzi soll anziehen, worin sie sich wohlfühlt!“ Mit Tipps für Lars tun sich die Schüler schwerer.
Das Date im Jugendhaus fängt gut an, Franzi schickt Lars sogar ein Bild von sich aufs Handy, im Bikini am Strand. Doch dann überschreitet Franzi eine Grenze, zupft an der Unterhose. Lars reagiert übertrieben heftig. „Franzi muss sich entschuldigen!“ Darauf besteht das Publikum. Die nächsten Überschreitungen gehen auf das Konto von Lars. Für eine verlorene Wette verlangt er von Franzi gegen ihren Willen einen Zungenkuss, danach flüchtet sie auf die Toilette. Gut so! „Die haben sich richtig abgeknutscht beim ersten Date. Das gehört nicht dazu!“ – „Franzi soll auf ihr Bauchgefühl hören! Den Kuss sollen beide wollen, Lars kann ihn nicht erzwingen!“ Und eine Schülerin urteilt kurz und bündig: „Wenn er sie gegen ihren Willen küsst, dann ist er nicht der Richtige!“ Franzi muss Lars klar sagen, was sie zulässt und was nicht.
Das äußerst unterhaltsame Stück passt perfekt für die Altersgruppe, und die Schüler reagieren lebhaft auf die Fragen des Moderators, auch wenn es manchmal nicht leicht ist, einen Standpunkt zu begründen. Bauchgefühl eben.
Und dann rutschen Lars‘ Hände auch  noch auf Franzis Brust! „Das ist echt krass!“, kommentiert ein Junge.
An dieser Stelle erklärt Jörg Pollinger, dass in Deutschland die sexuelle Selbstbestimmung ein hohes Gut ist, selbst bei Verheirateten, und dass man Bilder nicht ohne Einwilligung des Fotografierten weiterschicken kann. Das ist sogar eine Straftat.
Seit 2004 unterhält und klärt Q-Rage mit seinen Präventionsstücken auf. „Grenzbereiche“ – der Auftritt wird von der Deutschen Kinderhilfe Berlin finanziert – entstand in Zusammenarbeit mit Silberdistel e.V., Ludwigsburg, einer Beratungsstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs.
Die Jugendlichen sollen lernen, Grenzen wahrzunehmen, selbst Grenzen zu setzen und die anderer zu akzeptieren.
Cosima Naffin, 7c, findet es gut, dass die beiden über ihre Empfindungen gesprochen haben. Und Klassenkameradin Carolin Fischer lobt Lars, weil er das Bikinibild nicht an seinen Freund weitergeschickt hat.
Und wie sieht Franzi nach der Aussprache ihre Beziehung?  „Ob’s mit uns weitergeht? Na klar!“  (el)