„Es steckt ein gewisser Genuss in dieser Gemeinheit!“

Was ist es, was die Zuschauer am Ende der Samstagsvorstellung zu einem donnernden Applaus, zu stehenden Ovationen hinreißt? Ein Märchen? Ein Lustspiel? Ein bisschen „Wie es euch gefällt“ vor einer farbenprächtigen Sommernachtstraumkulisse? Eine gemeine Politsatire?
Der Applaus gilt vor allem der phantastischen Leistung der Theater-AG unter der Leitung von Sarah Jenz, die am letzten Freitag und Samstag die vielen Zuschauer im Brackenheimer Bürgerzentrum in Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ begeistert hat.
Das „Lustspiel“, das eigentlich gar keines ist, erschließt sich einem allerdings nicht leicht, besteht es doch aus wenig Handlung, dafür aus einem Feuerwerk an genialem Wortwitz, absurden Gedankenspielen und Philosophierereien um wenig bis nichts, entsprungen aus dem Geist des „Taugenichts“ und Kronprinzen Leonce, den das Leben anödet – „Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus.“ – und der aus dynastischen Gründen mit Prinzessin Lena vermählt werden soll. Beide fliehen daher nach Italien, Lena mit ihrer Gouvernante, Leonce mit dem philosophierenden Lebenskünstler Valerio – „Ich bin noch Jungfrau in der Arbeit.“ Sie begegnen sich, verlieben sich unerkannt und kehren als Automaten verkleidet an den Hof zurück, wo Leonces trotteliger Vater König Peter die beiden traut. Zuerst entsetzt über die Erkenntnis, wer sie wirklich sind, ergeben sie sich in ihr Schicksal – und alles bleibt im absolutistischen Kleinstaat beim Alten.
Das Stück, fast ein Zwei-Mann-Stück mit „schmückendem Beiwerk“, wird vor allem durch Béla Koch als Leonce und Felix Grabscheit als Valerio, zwei Vollblutkomödianten par excellence, zu einem herrlichen Vergnügen. Wie alle Schauspieler bis auf die geknechteten Bauern ganz in Weiß verkörpert Béla den an Weltschmerz leidenden Prinzen mit einer Hingabe und Perfektion, zu der der adelige Nichtsnutz selbst zu träge wäre. Lange Monologe, komplizierte Wortspiele, Gedankenspiele ohne echten Inhalt – er möchte sich z.B. einmal auf den Kopf schauen können – keine wirkliche Handlung, an der man sich entlanghangeln könnte – Béla vollbringt eine schauspielerische Meisterleistung wie auch Felix als Valerio. Ein geeigneteres Paar hätte man nicht finden können. Valerio, meist mit einer Weinflasche im Arm, singt, stolziert, stakst, stolpert über die Bühne und ist die perfekte schlagfertige Ergänzung zu seinem melancholischen Herrn.
Aber auch die anderen Rollen – einige sind doppelt besetzt – werden großartig gespielt. Rosetta (Jessy Rapolder), in Leonce verliebt und von ihm verstoßen, tanzt wie im Traum über die Bühne (danke an die Choreographin Inge Schön); Lena (Meike Breuser/Denise Felker) bezaubert im Liebesduett mit Leonce. Köstlich als Parodie eines dekadenten Machtmenschen: König Peter (Stefan Reichert/Malte Leible) mit einer Toilettenschüssel als Thron und einer vergoldeten Klobürste als Szepter. Unfähig und eher aufgeblasen der eine, zögerlicher und noch trotteliger der andere, avancieren beide zu Publikumslieblingen.
Besondere Akzente setzen Tanzszenen und einzelne Songs von Herbert Grönemeyer aus einer Berliner Inszenierung des Schauspiels, allerdings völlig neu arrangiert von Siegfried Liebl für die Brackenheimer Philharmoniker unter der Leitung von Daniel Strasser. Einen wunderbaren Kontrast zu den weißen Gestalten bildet das außergewöhnlich farbenfrohe Bühnenbild von Sybille Proksch und ihrer Bühnenbild-AG.
Alle Beteiligten boten  – wieder einmal - ein rundum brillantes Gesamtkunstwerk! (el)
Diaschau Platzhalter