Brillante Narretei um Liebe, Leid und Rollentausch

Illyrien: Der Name klingt nach Poesie – aber auch nach Illusion. Und daher ist dort nichts so, wie es scheint.
Graf Orsini ist unglücklich in Olivia verliebt. Diese trauert um ihren verstorbenen Vater und Bruder, will sich sieben Jahre lang keinem Mann zeigen. Ihr Onkel Sir Toby, ein Trunkenbold, Spaßvogel und Schmarotzer am Hof seiner Nichte, versucht zum Schein den trotteligen Ritter Bleichenwang mit ihr zu verkuppeln. Und da alle am Hof unter dem ehrgeizigen und puritanischen Verwalter Malvolio leiden, spielen ihm Toby und seine Spießgesellen mit einem fingierten Liebesbrief Olivias einen bösen Streich. Vollends verwirrend wird die Lage dadurch, dass die beiden schiffbrüchigen Zwillinge Sebastian und Viola getrennt voneinander an die illyrische Küste gespült werden, wo Viola als Cesario verkleidet in Orsinos Dienste tritt und sich in ihn verliebt. Als Liebesbote schickt der Graf Cesario zu Olivia, die sich Hals über Kopf in den edlen „Jüngling“ verliebt. Und dann taucht auch noch Sebastian, Violas Ebenbild, auf…………
Irrungen und Wirrungen, vertauschte Identitäten, Narreteien im Alkoholrausch!
Für die Theater-AG unter der Leitung von Sarah Jenz sind die beiden Aufführungen am letzten Wochenende im Brackenheimer Bürgerzentrum ein grandioser Erfolg! Einfallsreichtum, eine gelungene Mischung aus der klassischen Sprache Shakespeares, aktuellen Seitenhieben, einer Filmsequenz zu Beginn, die die beiden Schiffbrüchigen am Gestade Illyriens/der Ehmetsklinge zeigt sowie Tim Bendzkos „Wenn Worte meine Sprache wären“ in immer wieder veränderten eigenen Textversionen, von verschiedenen Personen gesungen, und die unglaubliche Spielfreude der talentierten Schauspieler, darunter viele Abiturienten, machen die Komödie zu einem erfrischenden Kunstgenuss.
Anica Wurmbrand als Olivia, der „tugendhafte Trauerschwan“, lässt den liebeskranken Orsino erbarmungslos schmachten und fährt, wenn es sein muss, ihre Krallen aus. Mal schmeichelnd, mal kratzbürstig zeigt die „grande dame“ des Schultheaters noch einmal ihren Facettenreichtum. Melancholisch, in seiner Männlichkeit beleidigt, leidet Orsino (Michael Kühne/Lukas Hartmann – einige Rollen sind doppelt besetzt) im Schlafanzug. Ein unbeweglicher Trauerkloß, dem kein Lächeln über die Lippen kommt. Fast zum Verwechseln ähnlich geschminkt und gekleidet sind Johanna Plehn/Leonie Baum und Anna-Lena Harsch/Lea Goeppert als Viola/Cesario und Sebastian, die ungewollt für viel Wirbel in Illyrien sorgen und allein schon durch die Äußerlichkeiten eine ideale Besetzung sind. Bei Shakespeare sind es jedoch oft die Nebencharaktere, die dem Stück Pep verleihen, es vorantreiben. So Bela Koch als Sir Toby, der mit so viel Witz agiert, dass das begeisterte Publikum natürlich auf seiner Seite ist. Felix Grabscheit und Stefan Reichert halten die Rolle des trotteligen Ritters Bleichenwang durch, ohne in Klamauk zu verfallen. Gags wie der Sturz vom Steckenpferd oder der Auftritt als Boxchampion zu „The eye of the tiger“ passen bestens zu Shakespeares Auffassung von Komödien. Und Toby ist wie die Zuschauer so hingerissen von der spitzzüngigen Gesinnungsgenossin Maria (Ann-Kathrin Eiselen/Karlotta Koch), dass er sie auf der Stelle heiratet. Alle Schauspieler sind großartig, so der weise und  schlagfertige Narr (Mareike Sinz/Svenja Mielke) oder Theo Flammer als Antonio. Die Glanzrolle des Abends aber hat Jakob Seidler als anfänglich devoter, puritanischer Verwalter Malvolio. Er verteufelt die Alkoholexzesse am Hof und hofft auf eine Heirat mit Olivia. Jakob lebt seine Rolle, zeigt in seinem langen Monolog sein komödiantisches Talent. Alles stimmt: seine affektierte Sprache, sein manieriertes Benehmen, seine arrogante Selbstüberschätzung – „Gefällst du einer, gefällst du allen!“ Diese Rolle ist die Krönung seiner Karriere auf der Schulbühne.
Shakespeares Sprache, sein oft recht anzüglicher, aber unglaublicher Wortwitz, seine Charaktere haben auch nach 400 Jahren nichts von ihrer Frische und Strahlkraft verloren. Die Theater-AG hat es erfolgreich bewiesen und die standing ovations mehr als verdient! (el)