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Wenn schwangere Königinnen auf Rache sinnen

Theater-AG präsentiert den Untergang der Nibelungen, wie er nicht in den alten Handschriften steht

20./21. Juli 2018

 

„Uns ist in alten mæren wunders vil geseit.“ In perfektem Mittelhochdeutsch deklamieren Siggi und Ruodi (Philine Armbruster, Julia Müller), die ungeborenen Söhne Kriemhilds und Brünnhildes im Engelchen-Look, die ersten vier Langzeilen des Nibelungenliedes.
Unter der Leitung von Raphael Solian präsentierte die Theater-AG an zwei Abenden im Bürgerzentrum Brackenheim mit teils wechselnder Besetzung die „Nibelungen“,  das Epos um Siegfried, den Drachentöter, sein Schwert Balmung und den Nibelungenschatz.
Mit unzähligen Bonmots, Ironie und Anachronismen haben Gerald Maria Bauer und Thomas Birkmeir den Sagenstoff  aufgepeppt, persifliert, verändert und ihn zu einem erfolgreichen, äußerst unterhaltsamen Bühnenstück gemacht. Den großartigen Schauspielern, unterstützt von Technik-Team und Bühnen-AG (Sybille Proksch), gelingt damit eine zweistündige Aufführung, gespickt mit immer wieder überraschenden Momenten und Einfällen.
Geblieben sind jedoch Intrigen, Verrat, Mord, Minne – und Siegfried!
Siegfried – der blonde, blauäugige, fast unverwundbare Held aus Xanten.
Und Siegfried in Brackenheim? Für den brillanten Hauptdarsteller Philipp Treupel ist die Rolle eine Herausforderung -  den tumben Tor zu mimen, der mordlüstern über die Bühne trampelt wie ein wildes Tier und dabei anfangs nur Urlaute ausstößt. „Eine so komische Rolle zu spielen ist viel schwieriger als eine ernste.“
Die aufmüpfige Kriemhild (Magdalena Weber) hat moderne Flausen im Kopf.  Willige Gebärmaschine aus Staatsräson? Niemals! Dem gefährlichen Womanizer Attila – Lena Beyl mit Dschingis Khan-Bart – gibt sie den Laufpass. Doch dann kommt Siegfried, und sie ergreift zum Entsetzen des Wormser Hofs die Initiative: „Wir waschen dich ab, dann gehen wir in meine Kemenate und ich bringe dir Deutsch bei.“ Da ist Hannah Weber als Mutter Ute machtlos. Säuselnd, den Blick gen Himmel, bereits vor ihrem Freitod nicht von dieser Welt, schwebt sie mit ausgebreiteten Armen und in Kuschelpantoffeln über die Bühne. Köstlich!
Tom Kleiner ist der ideale schmeichlerische, intrigante Hagen. Stimme, Mimik, Gestik, zurückhaltend, abwartend, erfolgreich, zumindest vorerst. Sein Ziel: mit Siegfried die Sachsen vernichten, das Gold an sich reißen, Siegfried töten, Kriemhild ehelichen. König Gunter (Lisa Beyl) braucht Siegfried, um Brünnhilde (Luca Grewe), die männermordende Königin aus dem Norden, zu erobern. Vorläufige Integration durch Qualifikation, auch im mittelalterlichen Worms.
Brünnhilde ist nach der Hochzeitsnacht verschnupft, und das Publikum muss sie als Volk von Worms besänftigen. Ruodi und Siggi halten Schilder hoch mit Anweisungen und die Zuschauer haben ihren Spaß beim „Ah!“ und „Oh!“, „Nein!“ und „Danke!“
Siegfried wird zwar von Gunter erstochen, doch nicht alle Pläne Hagens gehen auf.
Das Ende überrascht: Die beiden schwangeren Königinnen leisten sich an Attilas Hof als ziemlich beste Freundinnen die finale Rache: Alle Männer sinken der Reihe nach zu Boden, vergiftet von Kriemhild. el